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Eine kleine Geschichte des Reformierten Bundes

Von Hans-Georg Ulrichs (2016)

Bild: Musafir / CC-BY-SA-2.5

Als der Reformierte Bund 1884 gegründet wurde, geschah dies vor dem Hintergrund einer – jedenfalls so wahrgenommenen – fortschreitenden Marginalisierung der Reformierten im 19. Jahrhundert.

Reformierte Hochschulen und reformierte Lehrstühle waren niedergelegt worden, in den Unionskirchen schienen sich reformierte Milieus und Frömmigkeitsstile zu verflüchtigen. Seit der Jahrhundertmitte gab es nicht zuletzt im Nordwesten, also im 1866 preußisch gewordenen Königreich Hannover, reformierte Sammlungsbewegungen, die nicht zuletzt auch durch die allgemeine Erweckungsbewegung geprägt waren. Allerdings wurde erst 1882 eine reformierte Landeskirche vom preußischen König sanktioniert.

Von Tagungen zur Sammelbewegung

1875 wurde der Vorläufer der jetzigen Weltgemeinschaft reformierter Kirchen in Schottland gegründet. Deutsche Teilnehmer späterer Welttagungen wurden dadurch motiviert, in Deutschland ähnliches zu unternehmen, vor allem, als 1883 der 400. Geburtstag Martin Luthers mit großem national-protestantischen Pathos begangen wurde. Das im folgenden Jahr anvisierte Zwingli-Gedenken fiel zwar bescheidener aus, wurde aber dafür genutzt, während einer Versammlung in Marburg den Reformierten Bund für Deutschland zu gründen. Die Initiative ging nicht zuletzt von Wuppertal aus, wo es in Elberfeld, Barmen und weiteren Orten große und konfessionell selbstbewusste Gemeinden gab. Wuppertal blieb für viele Jahrzehnte der reformierte ›Vorort‹ schlechthin. Die seit 1850 erscheinende Reformierte Kirchenzeitung spielte ebenfalls eine große Rolle.

Bald schon konnte der Reformierte Bund für sich beanspruchen, eine Sammlungsbewegung der Reformierten in ganz Deutschland zu sein: für die Gebiete der reformierten Landeskirche in Hannover (Ostfriesland, Bentheim/Lingen, Unterweser/Amt Bremen und die Plesse bei Göttingen), die Reformierten in Lippe, in Westfalen und im Rheinland, in Brandenburg und im Osten Preußens, im Siegerland und in Wittgenstein und darüber hinaus in den reformierten Gemeinden Hessens und Bayerns u.a.m. Zwar konnten einige weitergehende Pläne wie etwa eine reichsweite Vertretung mit Sitz in Berlin nicht realisiert werden, aber der Reformierte Bund wuchs während der Jahre des Kaiserreichs erheblich an. Durch zahlreiche Kontakte namentlich nach Frankreich, England, den USA und nach Ungarn sowie den kriegsneutralen Ländern Schweiz und die Niederlande war vielen Reformierten der chauvinistische deutsch-lutherische Nationalprotestantismus fremd, auch wenn die große Mehrheit natürlich treu zum deutschen Kaiser stand. Für die konfessionelle Selbstbestimmung war das groß angelegte und bewusst global wahrgenommene Calvin-Jubiläum 1909 von herausragender Bedeutung.

Nach dem Ersten Weltkrieg

Nach dem Ersten Weltkrieg knüpfte man alsbald an internationale Kontakte an und agierte in den neu konstituierten Landeskirchen (vor allem in Preußen mit seinen Kirchenprovinzen) während der ersten deutschen Demokratie für reformiertes Kirchenverständnis (Kirchenordnungen, etwa die Frage eines evangelischen Bischofsamtes) und reformierte Frömmigkeit (Liturgie). Die Reformierten konnten dafür durchaus auf bedeutende Kirchenpolitiker und Publizisten zurückgreifen. Trotz einer eher konfessionell-konservativen Mehrheit beförderte gerade der Reformierte Bund die Theologie Karl Barths, der bis 1935 an den Universitäten Göttingen, Münster und Bonn lehrte. Die »Theologischen Wochen«, die Hauptversammlungen des Reformierten Bundes und die Reformierte Kirchenzeitung hatten nicht zuletzt in der zweiten Hälfte der 20er Jahre einen erheblichen Anteil an der Rezeption der Theologie Barths.

Auf der Seite der Bekennenden Kirche

Es waren vor allem direkte Schüler Barths wie Wilhelm Niesel oder solche, die sich entweder langsam oder auch sehr rasch in seine Richtung ziehen ließen wie etwa Hermann Albert Hesse, die dann spätestens ab November 1933 den Reformierten Bund auf die Seite des entschiedenen Flügels der Bekennenden Kirche (BK) führten. Landeskirchliche Reformierte agierten zurückhaltender und sahen sich immer wieder auch zur Zusammenarbeit mit staatlich legitimierten kirchlichen Behörden veranlasst. Nationalistische Kreise wie der so genannte „Ordnungsblock“ in Duisburg und am Niederrhein waren in der Minderheit, NSDAP-Mitglieder wie Otto Weber waren in der reformierten Kirchenpolitik marginal. Der Reformierte Bund konnte durch die von Karl Barth verfasste Barmer Erklärung vom Januar 1934 sowie durch freie Synoden der BK wichtige Impulse geben, die dann nicht zuletzt auch von Reformierten innerhalb der BK in den evangelischen Landeskirchen und auch auf Reichsebene fortgeschrieben wurden. Zu den bekanntesten Märtyrern der Reformierten zählen Paul Schneider, der „Prediger von Buchenwald“, der junge Vikar Helmut Hesse und Karl Immer, ohne den die umfassende Pressearbeit der reichsweiten BK nicht denkbar gewesen wäre.

Unter dem Einfluss der Theologie Karl Barths

In den Jahrzehnten nach 1945 standen die Reformierten ganz unter dem Einfluss der Theologie Karl Barths. Jahrzehntelang war man damit beschäftigt, immer wieder reformiertes Profil zu gewinnen, indem man auf Johannes Calvin, den Kirchenkampf und die Theologie (und Kirchenpolitik) Karl Barths verwies. Man sah sich vor allem theologisch herausgefordert, nahm dann aber auch an der beginnenden „Politisierung“ des westdeutschen Protestantismus teil. Die „Kirchenkampf“-Generation, die durchaus kirchlich und gesellschaftlich zu Einfluss gelangt war, trat etwa um 1970 ab. Der Moderator des Reformierten Bundes in Deutschland, Wilhelm Niesel, amtierte von 1964 bis 1970 als Präsident des Reformierten Weltbundes. Bereits in den 60er Jahren gab es durch die Ökumene und durch weltweit wahrzunehmende Protestbewegungen eine Sensibilisierung für Fragen der politischen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeit und der Menschenrechte. Einer der auch global agierenden deutschen Reformierten war Jürgen Moltmann. Konservative Reformierte, wie es sie gerade im Rheinland und im Siegerland gab, verloren an binnenkonfessioneller Zustimmung.

Schöpfung – Israel – Frieden

In den 70er Jahren traten zunächst Umweltfragen (also das theologische Thema der Schöpfung) auf die Tagesordnung, wurden dann aber durch zwei lang andauernde Themen überlagert: zum einen durch den gerade auch von Reformierten forcierten rheinischen Synodalbeschluss von 1980 zum Verhältnis von »Kirche und Israel«, zum anderen durch die angesichts der Hochrüstung beider weltpolitischer Blöcke um 1980 virulente friedensethische Debatte um Herstellung, Lagerung und gar Anwendung von Atomwaffen. Hier schrieben die Reformierten die radikaleren protestantischen Positionen der 50er Jahre fort, nahmen grundsätzliche Gedanken der niederländischen Reformierten auf und positionierten sich durch die Erklärung des Moderamens »Das Bekenntnis zu Jesus Christus und die Friedensverantwortung der Kirche« vom Juli 1982, mit der die Friedensfrage zu einer Bekenntnisfrage erklärt wurde, bei der man um des Glaubens willen, der die Versöhnung Gottes mit der Welt ernst nähme, bei einem »Nein ohne jedes Ja« zu Atomwaffen. Beide Themen – also sowohl das erneuerte Verständnis der bleibenden Erwählung Israels als auch die Friedensdebatte – entwickelten sich nachhaltig zu konsensischen Signaturen der deutschen Reformierten, brachten ihnen sowohl binnenkirchlich als auch gesamtgesellschaftlich einigen Gewinn an Reputation, führten aber bei den Minderheitengruppen zum Gefühl der Marginalisierung innerhalb der main-stream-Reformierten.

Die reformierte Stimme in den Diskursen der EKD

Fast eine Generation lang hat Peter Bukowski als Moderator das ›Gesicht‹ des Reformierten Bundes (1990–2015) dargestellt. Mit ihm konnte die reformierte ›Stimme‹ in den Diskursen in der Evangelischen Kirche in Deutschland ihr Gewicht wahren. Nach so vielen Jahrzehnten konfessioneller Selbstbehauptung, theologischem Engagements und ethischer Diskurse erschienen Transformationen notwendig. Im Jahr 2000 wurde die Reformierte Kirchenzeitung nach 150 Jahren im 141. Jahrgang eingestellt und durch fluidere Druckerzeugnisse und auch durch elektronische Medien ersetzt. Die Hauptversammlung 2013 beschloss neben dem Reformierten Bund als eingetragenem Verein eine zweite Rechtsform, nämlich eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, um die kirchenpolitischen Interessen des Reformierten Bundes und der reformierten Landeskirchen sowie den Reformierten in den Unionskirchen institutionell gewichtiger vertreten zu können. Durch den Umzug der Weltgemeinschaft reformierter Kirchen von Genf nach Hannover im Jahr 2014 steht der Reformierte Bund verstärkt auch für globale reformierte Anliegen in der Verantwortung.

Innerhalb der Reformationsdekade wurden die Jubiläen zu Johannes Calvin (2009) und zum Heidelberger Katechismus (2013) begangen. Beide Gedenkjahre stellten Ermutigungen für den Reformierten Bund und die Reformierten da, waren aber auch gesamtprotestantische Feiern. Der Reformierte Bund wirkt so nicht mehr als Akteurin für konfessionelle Partikularinteressen, sondern als eine Farbe innerhalb des pluralen Protestantismus.

Die Moderatoren des Reformierten Bundes:

1884–1911 Friedrich Heinrich Brandes

1911–1919 Heinrich Calaminus

1919–1934 August Lang

1934–1946 Hermann Albert Hesse

1946–1973 Wilhelm Niesel

1973–1982 Hans Helmut Eßer

1982–1990 Hans-Joachim Kraus

1990–2015 Peter Bukowski

seit 2015 Martin Engels

Literatur:

  • 100 Jahre Reformierter Bund. Beiträge zur Geschichte und Gegenwart, hg. im Auftrage des Moderamens des Reformierten Bundes von Joachim Guhrt, Bad Bentheim 1984; darin die beiden Beiträge J.F. Gerhard Goeters, Vorgeschichte, Entstehung und erstes Halbjahrhundert des Reformierten Bundes, S. 12–37 (auch in: ders., Beiträge zur Union und zum reformierten Bekenntnis, hg. von Heiner Faulenbach/Wilhelm H. Neuser [Unio und Confessio 25], Bielefeld 2006, S. 339–356); Wilhelm Niesel, Der Reformierte Bund vom Kirchenkampf bis zur Gegenwart, S. 38–57.

Zur Vorgeschichte und zur Sammlung der Reformierten vgl.:

  • Gerhard Nordholt, Die Entstehung der „Evangelisch-reformirten Kirche der Provinz Hannover“, in: Elwin Lomberg/Gerhard Nordholt/Alfred Rauhaus (Hgg.), Die Evangelisch-reformierte Kirche in Nordwestdeutschland. Beiträge zu ihrer Geschichte und Gegenwart, Weener 1982, S. 91–157.
  • J.F. Gerhard Goeters, Die Situation der Reformierten im 19. Jahrhundert und die Entstehung der Reformierten Landeskirche Hannover und des Reformierten Bundes. Vielfalt und Einheitsbestrebungen unter den deutschen Reformierten (1983), in: ders., Beiträge zur Union und zum reformierten Bekenntnis, aaO., S. 357–374.
  • Der Moderator. Ein Dank für Peter Bukowski, herausgegeben von Hans-Georg Ulrichs, Hannover 2015, darin: Hans-Georg Ulrichs, Von Brandes bis Bukowski. Die Moderatoren des Reformierten Bundes, in: s.o., S. 23–70.
  • Hans-Georg Ulrichs, „… in schwere Bedrängnis geraten“? Reformierte Erinnerungsnarrative im 20. Jahrhundert, in: Thomas K. Kuhn/Nicola Stricker (Hgg.), Erinnert, verdrängt, verehrt. Was ist Reformierten heilig? Vorträge der 10. Internationalen Emder Tagung zur Geschichte des reformierten Protestantismus (EBzrP 16), Neukirchen-Vluyn 2016, S. 81–98.
  • Hans-Georg Ulrichs, Kleines Buch mit großer Wirkung. 450 Jahre Heidelberger Katechismus: das Jubiläumsjahr 2013, in: Kirchliches Jahrbuch 140 (2013). Dokumente zum kirchlichen Zeitgeschehen, Gütersloh 2015, S. 91–109.

 Pfr. Hans-Georg Ulrichs, Heidelberg, November 2016

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