''Die Kirchen müssen sich fragen, wo wir geschwiegen haben''

Interview mit Balázs Ódor zur seiner Berufung zum Direktor der EMW


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Der ungarische Theologe Balázs Ódor spricht über die Kraft kritischer Dialoge zwischen Kirchen, die Gefahren politischer Vereinnahmung – und warum echte Begegnung über Grenzen hinweg entscheidend für Glaubwürdigkeit und Zukunft der Kirche ist.

Herr Ódor, Sie haben sich über viele Jahre intensiv mit den Außenbeziehungen der Reformierten Kirche in Ungarn beschäftigt. Was hat Sie in dieser Zeit besonders geprägt?

Ich habe über 15 Jahre die Ökumeneabteilung geleitet. In dieser Zeit haben wir uns bewusst vorgenommen, unsere internationalen und ökumenischen Beziehungen nicht nur auszubauen, sondern auch zu vertiefen und inhaltlich zu gestalten.

Ich war immer davon überzeugt, dass auch kritische Gespräche und Verständigungsprozesse – theologisch, ethisch und in öffentlichen Fragen zwischen Kirchen – zu einer gegenseitigen Bereicherung führen. Ganz gleich, woher wir kommen – aus Westeuropa, Mittel- oder Osteuropa, dem Nahen Osten oder anderen Regionen –, solche Begegnungen helfen uns allen, unseren eigenen kirchlichen Auftrag besser zu verstehen.

Gab es konkrete Begegnungen oder Partnerschaften, die Ihren Blick auf Kirche nachhaltig verändert haben?

Ja, sehr viele. Genau das war ja unser Ziel: diese Beziehungen intensiv zu gestalten und verlässliche Partnerschaften aufzubauen. Ich könnte viele Beispiele nennen – etwa die Zusammenarbeit mit dem Reformierten Bund oder Dialogprozesse zu Fragen wie Migration und Flucht, Kirchenreform oder Identitätspolitik und Populismus. Auch Beziehungen, die wir neu aufgebaut haben, etwa im Nahen Osten mit protestantischen Kirchen, waren prägend. Ich nenne das oft „evangelische Nüchternheit“: gemeinsam auf dem richtigen Weg zu bleiben und sich gegenseitig zu korrigieren.

Zugleich geht es darum, nicht falschen Ideologien zu verfallen. Die Gefahr besteht darin, das Evangelium falsch zu konkretisieren – wenn es zur bloßen Stütze menschlicher Ordnungen oder Ideologien wird. Meine Überzeugung ist: Wenn wir gemeinsam unterwegs sind und uns kritisch austauschen, werden wir sprachfähig und können die frohe Botschaft glaubwürdig verkündigen.

Hat Ihre Herkunft aus Ungarn Ihre Perspektive auf diese Themen geprägt?

Ja, natürlich. Meine Kirche und alles, was wir als Gemeinschaft erlebt haben, haben mich stark geprägt. Wir standen immer im offenen Austausch mit unseren Partnern, selbst unter sonst kritischen politischen Umständen und Spannungen. Ich denke, genau daraus ist auch das Vertrauen gewachsen, das uns viele Partnerkirchen entgegenbringen.

Sie sprechen von Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“. Was bedeutet das konkret?

Für mich bedeutet das, dass wir einander wirklich ernst nehmen. Unterschiedliche Positionen können wir nur dann hinterfragen, wenn wir sie zuvor verstanden haben – und nicht, wenn wir schon fertige Antworten mitbringen.

Oft scheitert Zusammenarbeit daran, dass ideologisch verhärtete Positionen aufeinanderprallen. Dann entsteht kein echter Dialog. Meine Erfahrung ist jedoch: Wenn wir als Christen gemeinsam unterwegs sind, können wir Gespräche mit tragfähigen und nachhaltigen Ergebnissen und Einsichten führen – über kulturelle, regionale und konfessionelle Grenzen hinweg. Entscheidend ist, dass wir vom gemeinsamen Glauben ausgehen und nicht von vorgefertigten Überzeugungen.

Sie haben davor gewarnt, Osteuropa pauschal zu betrachten. Was wird im Westen häufig missverstanden?

Oft wird zu stark vereinheitlicht. Es wird gesagt: „Die Kirchen dort sind so oder so.“ Dabei wäre es wichtig, genauer hinzuhören und zu verstehen, in welchem Kontext eine Kirche lebt. Das gilt aber auch umgekehrt. Auch in Ungarn wird oft pauschal über den Westen oder über deutsche Kirchen geurteilt.

Solche gegenseitigen Vereinfachungen verhindern echten Dialog und damit auch echte gegenseitige, berechtigte Kritik, die etwas bewegen kann. Wenn wir als Christen nicht in der Lage sind, demütig, aber offen und kritisch miteinander zu sprechen, stellen wir letztlich auch die Relevanz des Evangeliums infrage. Zudem gibt es politisch-ideologisch motivierte, populistische Narrativen, die Religion für eigene Zwecke instrumentalisieren. Dagegen habe ich immer Stellung bezogen und gerade hier gilt es, gemeinsam unsere Stimme zu erheben und aufgrund theologischer Argumente diese Narrativen öffentlich herauszufordern.

Was können Kirchen in Ost und West voneinander lernen?

Ich habe großen Respekt vor den Kirchen in Deutschland, die sich intensiv mit Reformprozessen, neuen Formen des Kircheseins und Leitbildern auseinandergesetzt haben. Daraus kann man viel lernen. Gleichzeitig erleben wir in Ungarn, dass Gemeinschaft und Gemeinde eine zentrale Rolle spielen. Vielleicht liegt darin etwas, was andere Kontexte neu entdecken können.

Ein wichtiges Beispiel ist das Thema Menschenrechte. Historisch gesehen ist die Auseinandersetzung damit im kirchlichen Kontext relativ jung. Während dieser Diskurs in Westeuropa seit den 1960er Jahren gewachsen ist, ist bei uns in Osteuropa unter kommunistischen Bedingungen diese theologische Auseinandersetzung fast völlig ausgeblieben.

Deshalb hilft es uns allen, die enge Verbindung zwischen Glaube, Menschenwürde und Menschenrechte zu vergegenwärtigen und neu zu entdecken – auch im Austausch mit Partnern aus anderen Regionen, etwa dem Nahen Osten. Es gibt kein abgeschlossenes Ringen um die konkrete Gestalt des Evangeliums. Diese Auseinandersetzung muss immer wieder neu geführt werden.

Wie haben Sie das Verhältnis von Kirche und Politik in Ungarn erlebt?

Wir sehen zunehmend, dass politische Akteure nicht nur politische Verantwortung übernehmen wollen, sondern auch Deutungshoheit über „christliche Werte“ beanspruchen. Das bringt Kirchen unter Druck. Denn ihre Aufgabe ist es, staatliche Macht zu hinterfragen und an Gottes Reich zu erinnern. Ein früherer Bischof hat einmal gesagt: Für Kirchen ist es oft schwieriger, wenn „Freunde“ an der Macht sind als Gegner. Diese Einschätzung halte ich für sehr zutreffend. Wir selber haben in Ungarn, als Kirchen, diesbezüglich in den letzten Jahren wesentliches versäumt und dadurch berechtigt und bedeutend am öffentlichen Vertrauen und Glaubwürdigkeit eingebüßt.

Wie bewerten Sie die jüngsten Wahlergebnisse in Ungarn?

Ich sehe darin vor allem ein Hoffnungszeichen. Wir haben eine Art Befreiung erlebt (wir haben uns befreit) – nach Jahren starken politischen Drucks und einer sehr dominanten öffentlichen politischen Kommunikation, welche wir mit gutem Grund als Propaganda bezeichnet haben, welche Hass schürte und eine Kriegspsychose verbreitete. In diesem Hintergrund würde ich sogar von einer historischen Wende sprechen. Es gibt eine große Euphorie über Freiheit und Demokratie, die wir so nicht einmal in den Jahren 1989-1990 erlebt hatten. Diesmal war die gesellschaftliche Teilnahme überwältigend. Gleichzeitig liegt ein langer und schwieriger Weg vor uns.

Auch die Kirchen müssen sich fragen, wo sie ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden sind – wo sie geschwiegen haben, obwohl sie hätten sprechen müssen, insbesondere für die Schwachen, die Minderheiten und Erdrückten, die unverdient in die Zielscheibe der Regierungspolitik geraten sind.

Welche Rolle kann Kirche in einer zunehmend unsicheren Welt spielen?

Ich bin überzeugt: Kirchen können etwas leisten, was Politik oft nicht mehr gelingt – nämlich echten Dialog zu ermöglichen. Wenn wir als Christen nicht in der Lage sind, Verständigung, Versöhnung und Frieden – unter und um uns - zu fördern, dann haben wir ein Problem. Nicht, weil das Evangelium an Relevanz verliert, sondern weil wir unserem Auftrag nicht gerecht werden. Deshalb sehe ich meine neue Aufgabe als große Herausforderung – aber auch als Chance.

Was sind Ihre Prioritäten als neuer Direktor der EMW?

Ich möchte keine neuen Themen einführen – davon gibt es genug. Entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen und welche Prioritäten wir setzen. Zunächst geht es darum, die Stärke und den Reichtum der EMW-Gemeinschaft bewusst zu machen. Trotz aller Herausforderungen verfügt die EMW über starke Mitglieder und ein großes Netzwerk. Meine erste Aufgabe wird es sein, gemeinsam mit dem Team zu klären, wo wir im Perspektivprozess der Weiterentwicklung stehen und wie wir unseren Auftrag konkret gestalten.

Wie gehen Sie mit der Unsicherheit zukünftiger Entwicklungen um?

Wir brauchen eine klare Vision, müssen aber gleichzeitig flexibel bleiben. Wir wissen nicht genau, welche Herausforderungen in den kommenden Jahren auf uns zukommen. Diese Balance zwischen Orientierung und Offenheit ist für mich Ausdruck christlicher Existenz.

Wie können jüngere Generationen stärker eingebunden werden?

Es wird viel darüber gesprochen, aber oft zu wenig umgesetzt. Wir müssen konkrete Wege finden, junge Menschen wirklich zu beteiligen und zu Wort kommen zu lassen. Meine Erfahrung zeigt: Junge Menschen sind bereit, Verantwortung zu übernehmen – das hat sich auch in Ungarn zuletzt bei den Wahlen gezeigt. Gleichzeitig haben wir oft Vorurteile ihnen gegenüber. Wenn wir echte Beteiligung wollen, müssen wir bereit sein zuzuhören und Raum zu geben.


RB