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Fremdsein in dieser Welt
Predigt zum ersten Brief des Petrus, Kapitel 2, Verse 13-12 und 21b-25

Liebe Gemeinde,
kennt ihr das auch? Es ist Frühling, im Wald blühen die Buschwindröschen. Du hast dir Mühe gegeben, alles gut vorbereitet. Warst freundlich und mitfühlend mit dem schwierigen Kollegen, hast Verständnis für die belastete Kollegin. Hast den Kindern Dinge ermöglicht, die dich Zeit und Geld und Kraft gekostet haben. Hast an alle Geburtstage gedacht in diesem Frühjahr.
Ja, und dann? Nichts davon trägt Früchte. Nur Gemecker und schlechte Laune. Ungerechte Vorwürfe von Menschen, die sich selbst im Zentrum der Welt sehen. Heimlich wünschst du diese Meckerköppe und Egoisten Wer-weiß-wohin. Zeitraubende Gespräche, um alles wieder gerade zu ziehen. Schlechter Schlaf. Die, die dir am nächsten sind, müssen alles mit ausbaden, weil du keine Zeit für sie hast.
Ja, so ist es manchmal. Es gehört offenbar zum Leben. Was ich für andere tue, kehrt nicht immer zu mir zurück.
1.
Die Erfahrung ist alt. Ich lese Verse aus dem ersten Petrusbrief im Kapitel 2; das ist unser Predigttext:
11Meine Lieben, ihr seid Fremde und Gäste in dieser Welt. Deshalb ermahne ich euch: Gebt nicht den Begierden eurer menschlichen Natur nach, die euch von innen her verderben wollen. 12Führt ein vorbildliches Leben unter den Völkern. Sie reden zwar noch schlecht über euch, als wärt ihr Verbrecher. Aber gleichzeitig sehen sie eure guten Werke. Deshalb werden sie am Tag des Gerichts Gott loben. […]
21bChristus hat euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. 22Er hat keine Sünden begangen und keine Lüge kam aus seinem Mund. 23Er wurde beschimpft, aber er gab es nicht zurück. Er litt, aber er drohte nicht mit Vergeltung. Vielmehr übergab er seine Sache dem gerechten Richter. 24Christus selbst hat uns unsere Sünden mit seinem eigenen Leib hinaufgetragen ans Kreuz. Dadurch sind wir für die Sünde tot und können für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden. 25Ihr wart wie Schafe, die sich verirrt hatten. Aber jetzt seid ihr bei eurem Hirten, der euch beschützt.
Amen.
2.
Der Verfasser dieses Briefes, der sich Petrus nennt, kennt seine Bibel gut:
Wir hatten uns verirrt wie Schafe. Jesaja 53,6.
Ihr wart wie Schafe, die sich verirrt hatten. 1 Petrus 2,25.
Er wurde verwundet, damit wir geheilt werden. Jesaja 53,5.
Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden. 1 Petrus 2,24.
Wenn man das Hebräische bei Jesaja ins Griechische übersetzt, dann merkt man: Der Verfasser des ersten Petrusbriefes hat direkt und ganz wörtlich aus Jesaja zitiert. Es lag für ihn auf der Hand: Jesus, das ist der verheißene Gottesknecht aus dem Jesaja-Buch. Und er war überzeugt: Was Jesaja dem Volk Israel im babylonischen Exil im 6. Jh. vor Chr. zum Trost gesagt hat, diese Jesaja-Worte verstehen auch diejenigen, die 700 Jahre später seinen Brief lesen. Sonst macht es keinen Sinn, solche Sätze zu zitieren.
3.
Das also wollen wir uns zuerst angucken. Einen Hinweis auf die Empfänger des Petrusbriefes haben wir schon gehört: Meine Lieben, ihr seid Fremde und Gäste in dieser Welt. An anderen Stellen wird das weiter präzisiert: Sklaven werden explizit angeredet; die waren Christen geworden, aber eben ihre ungerechten Herren sind in ihrem Leben geblieben. Frauen werden explizit angeredet; die waren auch Christinnen geworden, aber sie mussten fortan mit ihren nicht-christlichen Ehemännern klarkommen. Und ganz am Anfang des Briefes steht: An alle Menschen, die Gott erwählt hat und die in der Fremde verstreut leben: in Pontus, Galatien, Kappadozien, in der Provinz Asia und in Bithynien. Das sind alles Gebiete in der heutigen Türkei, also Provinzen im römischen Reich im antiken Kleinasien.
Die Angeredeten sind mehr oder weniger frisch getaufte Christinnen und Christen. Sie lebten als Minderheit in ihrer Umgebung. Es waren Leute, die entweder zuvor an die römischen Götter geglaubt hatten oder Jüdinnen und Juden, die sich hatten taufen lassen. Diese Jesaja-Zitate waren besonders ihnen geläufig.
Fremde und Gäste in dieser Welt werden sie alle im Predigttext genannt. Es lässt erahnen, dass ihr Lebensstil als christliche Gemeinde erheblich abgewichen ist von ihrer Umgebung. Ihre Gemeinschaft als Christen untereinander war die eine Seite der Medaille. Die andere Seite war Ausgrenzung, Schwierigkeiten mit im wahrsten Sinne des Wortes unchristlichen Herren und unchristlichen Ehemännern.
Lange konnten wir uns im westlichen Teil Deutschlands eine solche Situation nicht vorstellen, sind wir als Christinnen und Christen doch immer in der Mehrheit gewesen. Ich habe vor ein paar Monaten einen Geschmack davon bekommen, wie es anders sein kann. Ich durfte nämlich in einer Tageszeitung, die eher kirchenkritisch ist, aber ein Herz für die sozial Schwachen und Entrechteten hat, einen Debattenbeitrag schreiben zum Christlichen Religionsunterricht, der nach den Sommerferien in Niedersachsen eingeführt wird. Ich habe das natürlich ganz sachlich gemacht, habe mit religiöser Bildung für alle argumentiert, die wir unserer Gesellschaft so bitter nötig haben usw.
4.
In der Onlineversion der Zeitung gibt es eine Kommentarspalte, die genau drei Tage lang geöffnet ist und dann geschlossen wird. Da steht dann alles drin, was Leute fix in die Tasten hauen bzw. in ihr Smartphone tippen. Ungefilterte Emotion. Ohne Rücksicht auf Verluste. Stammtischqualität. Meinungen statt Argumente. Voller Vorurteile und sehr harsch. Ich wurde nicht persönlich angegriffen. Unter den Beiträgern gab es auch genau einen Verteidiger des Religionsunterrichts. Aber der hat nach etlichen Wortwechseln aufgegeben. Ich sah, dass für viele Menschen Religion gleich Kirche ist. Und dass sie damit schlechte Erfahrungen gemacht hatten. Dass sie niemandem mehr auch nur irgendeine gute Absicht unterstellen können. Und ganz viel war reine Ideologie.
Da bekam ich eine Ahnung davon, wie es ist, wenn man sich nicht verständlich machen kann. Wenn das, was man sagt, oder in meinem Fall schreibt, einem im Munde umgedreht wird.
Fremde sein in dieser Welt. An diese Erfahrung musste ich denken beim heutigen Predigttext.
5.
Soweit gut. Aber was ist mit den Schafen? Und mit dem Gottesknecht? Und was kann ich mitnehmen aus diesem Predigttext? Wie gehe ich um mit diesem Widerspruch: Ich werde als Christin angefeindet oder allgemeiner gesagt: Ich habe eigentlich alles richtig gemacht. Dann aber muss ich ganz unverdient Dinge ausbaden, die ich nicht verschuldet habe. Für die Christen im 1. Jahrhundert fühlte sich das an wie ein Totalangriff auf ihr neues Leben. Wir heute kennen Situationen unverdienten Leidens und hadern damit. Aber im direkten Kontakt werden wir nicht wegen unseres Glaubens angefeindet.
Hirten und Schafe waren ein gängiges Bild. In der Lüneburger Heide ist es das vielleicht immer noch. Der erste Petrusbrief spricht in eine bäuerliche Kultur hinein wie auch Jesaja. Jeder konnte das verstehen. Und in Psalm 23 haben wir es gesungen.
Gott ist mein Hirt, an Gutem fehlt’s mir nicht. /
Auf grüne Auen wird er mich freundlich leiten, /
am frischen Born Erquickung mir bereiten /
und Rast, wenn heiß die Mittagssonne sticht.
Mit anderen Worten: Ich muss mich nicht kümmern. Gott passt auf mich auf. Ich habe alles, was ich brauche.
Auch Jesus Christus spricht von sich selbst als Hirte: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für seine Schafe. So hat es der Evangelist Johannes überliefert (Joh 10,11).
So ähnlich ist es mit dem Bild des Gottesknechtes, den Gott erwählt hat, und der dem Volk Israel in der Verbannung in Babylon wie eine rettende Lichtgestalt vorgeführt wird. Eine Lichtgestalt, die man kaum als solche erkennen kann, die aber trotzdem, so sagt es Jesaja, in Gottes Plan vorgesehen ist, die unschuldig leidet und genau damit für Rettung sorgt. Frisch getaufte Christinnen und Christen im antiken Kleinasien, die diesen Text kannten, mussten nahezu zwangsläufig denken: Ja, genauso ist es Jesus Christus ergangen. Und wenn ich ungerechtes Leiden ertragen muss, dann ist Jesus an meiner Seite. Ich folge darin ein wenig seinen Spuren, bin mit ihm verbunden. Und nichts ist ein unergründbares, böses Schicksal, sondern alles ist Gottes Plan. Der gute Hirte sorgt für mich, auch wenn seine Wege für mein Verstehen manchmal eigentümlich sind.
6.
Und nun? Was ist der Plan für uns? Was folgt daraus, dass wir Gäste und Fremde sind in dieser Welt?
Die Antwort lautet: Bleibt eurem Lebensstil treu. Nehmt euch Jesus Christus zum Vorbild. Seid barmherzig mit euren Mitmenschen. Liebt eure Nächsten und auch die, die euch übel mitspielen. Gebt dem Hass keine Chance. Führt ein vorbildliches Leben unter den Völkern. Lebt für die Gerechtigkeit. Es gibt Leid, wofür du ganz und gar nichts kannst. Es ist nicht alles gut. Aber ihr selbst, ihr könnt gut sein.
Das ist der Plan. Und das ist dein Trost, wenn du das Gefühl hast, dass gerade nichts zusammenpasst in deinem Leben und in dieser Welt.
Amen.
Bärbel Husmann


