Warum bin ich auf der Welt?

Predigt im Taufgottesdienst zu 5. Mose 6, 20-25


┬ę Pixabay

Von Kerstin Bonk

Liebe Gemeinde

Die grosse Frage. So heisst ein wunderbares Kinderbuch. Ein Buch, in dem es um eine ganz grosse Frage geht. Um die Frage, die nicht nur Kinder und Jugendliche beschäftigt, sondern genauso Erwachsene: Eltern und Grosseltern. In diesem Buch geht es um die Frage: Warum bin ich auf der Welt. Warum gibt es mich eigentlich, Warum lebe ich, was ist der Sinn meines Lebens.Verschiedene Antwortversuche werden in diesem Buch gegeben. Jeder erzählt aus seiner Sicht, warum er meint auf der Welt zu sein und gibt so seine ganz persönliche Antwort.

Da sagt der Bruder z.B.: Um Geburtstag zu feiern, bist du auf der Welt.
Die Grossmutter sagt: Natürlich bist du auf der Welt, damit ich dich verwöhnen kann.
Der Vogel sagt: Um dein Lied zu singen, bist du da!
Der Stein sagt: Du bist da, um da zu sein.
Der Bäcker sagt: Du bist da, um früh aufzustehen.
Der Blinde sagt: Du bist auf der Welt, um zu vertrauen.
Die Schwester sagt: Um dich selbst lieb zu haben.
Und die Mutter sagt schliesslich: Du bist da, weil ich dich lieb habe.

So eine kleine Auswahl der Antworten. Und das Beste an dem Buch ist, dass es mit all diesen Antworten nicht endet, sondern, dass es auf den letzten Seiten Platz gibt, um sich selbst die grosse Frage zu stellen, und um die eigenen Antwortversuche zu notieren; die Antwortversuche, die Kinder und Jugendliche im Laufe der Jahre auf die grosse Frage geben.

So lädt das Buch ein, Fragen nach dem Leben, nach dem Glauben, nach der Hoffnung zu stellen. Es lädt ein darüber ins Gespräch zu kommen. Einander zu erzählen, was das Leben ausmacht, was es zusammenhält. Es lädt zum Erzählen ein, zum Erzählen von den eigenen Lebensgeschichten, von sich selbst. Etwas, das unendlich wichtig ist, nicht nur für das Leben allgemein, nicht nur um die Welt zu begreifen, um das Leben kennen zu lernen um das Leben zu verstehen, erträglich und erlebbar zu machen. Sondern auch, um den Glauben kennen zu lernen, um Hoffnung und Vertrauen zu finden, um Gott und seine Liebe zu erfahren.

Gott, Glaube, Hoffnung, Liebe, das kann man ja nicht einfach erklären, mit einem Merksatz aufschreiben, wie eine Formel lernen. Gott, Glaube, Hoffnung, das ist nicht wie Mathematik oder wie Vokabeln einer anderen Sprache. Bei Gott, beim Glauben, da geht es um eine andere Wirklichkeit, eine Wirklichkeit, die hinter dem Alltäglichen liegt, eine Wirklichkeit, die im Erzählen auflebt, lebendig wird, erfahren wird. Und darum ist die Bibel auch kein Buch von Formeln und Vokalen, sondern ein Buch mit Geschichten, ein Erzählbuch. Ein Buch, in dem Geschichten von Gott erzählt werden. Ein Buch, in dem erzählt wird, welche Erfahrungen Menschen mit Gott gemacht haben.

Schon für die Menschen im Alten Testament war das so. Da wird ausdrücklich dazu ermutigt, ja sogar aufgefordert, den Kindern die alten Geschichten zu erzählen, die alten Erfahrungen lebendig zu halten, damit sie eine Bedeutung für das eigenen Leben bekommen. Im 5. Buch Mose, Kapitel 6 heisst es in den Versen 20-25:

Wenn dich nun dein Kind morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der HERR, unser Gott, geboten hat?, so sollst du deinem Kind sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand; und der HERR tat große und furchtbare Zeichen und Wunder an Ägypten und am Pharao und an seinem ganzen Hause vor unsern Augen und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land zu geben, wie er unsern Vätern geschworen hatte. Und der HERR hat uns geboten, nach all diesen Rechten zu tun, dass wir den HERRN, unsern Gott, fürchten, auf dass es uns wohlgehe unser Leben lang, so wie es heute ist. Und das wird unsere Gerechtigkeit sein, dass wir alle diese Gebote tun und halten vor dem HERRN, unserm Gott, wie er uns geboten hat.

Wenn dein Kind dich fragt, so heisst es hier. Wenn es dich als Mutter oder Vater fragt. Wenn es nach dem Glauben fragt, so beginnt es: mit einer grossen Frage also. Ich finde auffällig, dass die Frage hier ganz konkret ist. Dass nach einer ganz konkreten Sache gefragt wird. „Was sind das für Gebote, die ihr da habt“ Offensichtlich wird vorausgesetzt, dass die Eltern ihren Glauben sichtbar leben. Dass sie ihren Kindern den Glauben vorleben, damit die Kinder den Glauben nachleben können. Denn die meisten Dinge lernen Kinder wohl durchs Nachahmen, durchs Abschauen und nachmachen. Und so kommt dann heute oder morgen die Frage auf. Die grosse Frage, nach Gott und Glaube. Was hat es damit auf sich.

Und es heisst, dass die Eltern ihren Kindern darauf eine Antwort geben sollen. Was für eine Antwort das ist, auch das ist bemerkenswert. Denn es wird nicht nur mit einem einfachen Satz geantwortet. Sondern es wird weit ausgeholt, zurückgegangen in die Vergangenheit und es wird eine Geschichte erzählt. Mit einer Geschichte wird die Frage beantwortet. Mit der eigenen Geschichte, die bis heute geht. Mit der Geschichte von Menschen, die vor langer Zeit mit Gott Erfahrungen gemacht haben, die bis heute Bedeutung haben. Das soll erzählt werden.

Und so wird begonnen: WIR, wir waren Knechte des Pharao. Die eigene Geschichte, die Geschichte vom Volk Israel in Ägypten, die Geschichten von Unterdrückung und Sklaverei, von Mühsal und Bedrohung des Lebens. Die Geschichte von Mose, wie er als Kind gerettet wurde, wie er aufwuchs am Hof des Königs. Wie er dann von Gott zum Anführer des Volkes überredet wurde, wie alles losging: Der Auszug aus Ägypten, die grosse Befreiung. Die lange mühsame Wanderung in der Wüste mit all den Durststrecken, den Anfechtungen, aber auch den wunderbaren rettenden Erlebnissen. Und schliesslich der Einzug in das Gelobte Land, das Leben jetzt.

All das soll erzählt werden. All diese wunderbaren Geschichten, die voller Leben und Tiefe sind. All diese Geschichten sollen lebendig bleiben. Sie sollen aufleben lassen, wie Menschen damals Gott erlebt haben und wie Menschen Gott immer noch erleben. Nämlich als Gott, der Menschen begleitet, sie in Freiheit führt, befreit von Mächten, die das Leben kaputt machen und niederdrücken. So sollen auch die fragenden Söhne und Töchter Gott erleben. Für das Judentum sind diese Geschichten bis heute zentral, eng mit ihrem Bekenntnis verbunden.

Auch die ersten Christen haben das Erzählen der Geschichten von Gott gepflegt. Von Anfang an war das Christentum eine Erzählgemeinschaft. Sie haben die Geschichten aus dem alten Testament und die noch ganz jungen Geschichten von Jesus erzählt. Sie haben die Geschichten immer wieder neu aufleben lassen. So bekamen diese Erfahrungen von Menschen aus vergangener Zeit eine Bedeutung für die Gegenwart, für ihr eigenes Leben, für ihren eigenen Glauben. Die Menschen lebten in den Geschichten. Sie fanden sich selbst darin wieder.

Und so ist es bis heute. Wenn wir die Geschichten aus der Bibel erzählen, wenn wir sie hören, wenn wir sie aufleben lassen, in sie hineinschlüpfen, ein Teil von diesen Geschichten werden, dann bekommen sie auch eine Bedeutung für uns, für unser heutiges Leben, für unsere Existenz. Ja, dann erfahren wir in den Erzählungen Gott selbst.

Das das so ist, ja wie bezaubernd das Erzählen von Geschichten aus der Bibel sein kann, das möchte ich mit einer Erzählung deutlich machen. Es ist eine kleine faszinierende Geschichte von Werner Laubi. Bahngeschichte so heisst sie.

Ich fahre am frühen Morgen mit der Bahn von Aarau nach Genf. Im Wagenabteil sind die Reisenden, von denen wohl die meisten in Geschäften unterwegs sind, in die Lektüre von Tageszeitungen vertieft. Zwei studieren Akten. Einer holt, das Kinn auf der Brust, leise schnarchend den zu früh unterbrochenen Schlaf nach.

In Olten steigt ein Ehepaar mit einem etwa vierjährigen Knaben in den Wagen. Im Gegensatz zum Leiseschnarcher ist der Bub hellwach. Seine laute Stimme erfüllt augenblicklich den Wagen. Er inspiziert die Bänke und den Boden, öffnet und schließt die Glastür zum Raucherabteil, fragt den Vater: «Wozu ist der rote Hebel über der Tür? Was macht man mit dem schwarzen Schalter dort? Warum sind die Gepäcknetze so hoch oben angebracht? Warum hat der Mann dort eine rote Nase?»

Er findet andauernd neue fragwürdige Gegenstände, springt umher, setzt sich dahin und dorthin. Das leise Schnarchen des Leiseschnarchers verstummt. Unwillig blickt er nach dem Störenfried; aber was kümmert's den Bub! Er muss auf die Toilette, kommt zurück, setzt sich auf den Boden - die Langeweile manifestiert sich sicht- und hörbar.

Da kramt der Vater in der Reisetasche und reicht dem Bub ein elektronisches Spielzeug. Ruhe kehrt ein. Man hört nur noch das Sausen der Räder, das leise Summen der Klimaanlage, das Piepsen des Spielzeugcomputers und das Wieder-Einsetzen des leisen Schnarchens des Leiseschnarchers. Nach genau fünf Minuten ist dem Kind das Spiel verleidet; das Umherspringen fängt von vorne an. Da erzählt die Mutter dem Kind Geschichten.

Zuerst Schneewittchen. Dann Rotkäppchen. Dann -- ich staune -- die Geschichte vom großen Goliat und vom kleinen David. Sie erzählt spontan. Ohne Buch. Manchmal bezieht sie die Umwelt mit ein: «In einem Wald wie dort draußen, nur war er viel, viel größer, irrten Hänsel und Gretel umher. Auf einem Feld wie dem dort drüben standen David und Goliat einander gegenüber.»

Vom Moment an, da die Mutter mit Erzählen anfängt, ist der Bub still. Die nervöse Stimmung ist weg. Die Spannung und der Zauber der alten Geschichten erfüllt den Wagen. Das geht so von Bern bis Lausanne. Über eine Stunde. Alle hören zu. Auch die Männer in den dunklen Anzügen, auch die Frauen in den eleganten Kostümen. Selbst der Leiseschnarcher bleibt wach.

In Lausanne verlässt das Ehepaar mit dem Knaben den Zug. Aus dem Gespräch beim Aussteigen schließe ich, dass die Familie hier eine Tante besuchen will. Der Zug rollt weiter. Vorbei am Genfersee. Es ist still im Wagen. Frauen und Männer lesen, und das Sausen der Räder begleitet ein leises Schnarchen. Ich denke: Würde doch die Tante, statt in Lausanne, in Genf wohnen!

Wunderbar, nicht wahr. Wunderbar, wie bezaubernd Erzählen sein kann. Wunderbar, wie hier die Geschichte von David und Goliath lebendig wird. Wie sie plötzlich in die Gegenwart hineingeholt wird, mitten im Zug lebendig wird, wie ein Feld zwischen Bern und Lausanne plötzlich zum lebendigen Schauplatz des Kampfes zwischen Gross und Klein wird. Wie der Kleine dort zwischen Bern und Lausanne zum Zug kommt, nicht nur der kleine David gegen den grossen Goliath gewinnt, sondern auch der vierjährige Junge mitten zwischen all den Grossen geschäftigen Erwachsenen gewinnt.

Und wer weiss, was der Junge alles noch erfahren hat durch die Geschichte. Es steht nicht da. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass er erfahren hat, dass Gott uns viel zutraut, egal wie klein man ist. Dass Gott uns zur Seite steht und unterstützt im Leben, dass er uns hilft Mut zu haben, hilft die Angst zu überwinden. Vielleicht hat er all das erlebt, gespürt dort im Zug zwischen Olten und Lausanne. Gespürt beim Hören der Geschichte von David und Goliath.

Ganz sicher hat er erlebt, dass Geschichten etwas Wunderbares sind. Er hätte auf die Grosse Frage dann vielleicht geantwortet: Ich bin auf der Welt, um Geschichten zu hören. Und das sind wir alle. Wir sind auf der Welt, um die Geschichten von Gott, von seiner Liebe zu uns Menschen zu hören, Geschichten von seiner Barmherzigkeit und Gnade. Ja, dazu sind wir da. Damit die Geschichte von Gott mit uns auch unsere Geschichte mit Gott wird.

Amen.

 

Wolf Erlbruch, Die große Frage, Verlag Hammer, 2004, 14,90 €


Kerstin Bonk